Offener Brief an KIT-Präsidium und -Angehörige

Sehr geehrte Damen und Herren des Präsidiums und alle Angehörige des KIT,

zunächst möchten wir uns herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich die Zeit einräumen, in einem öffentlichen Diskurs über die ab dem 29.11.2021 gültigen Veränderungen und Verordnungen im Rahmen der Coronavirus-Pandemie und dem derzeitigen allgemeinen deutsch-politischen Umgang zu sprechen und auch auf die Anliegen von uns Studierenden einzugehen.

Mit dieser Ansprache möchten wir auf eine außerordentlich wichtige Problematik aufmerksam machen: Die nun seit Beginn der Pandemie erstmalig eingeführte Aussetzung einer paritätischen Teilhabe aller Studierenden am universitären Bildungsbetrieb. Es ist dabei unentbehrlich, dass Sie, verehrte Damen und Herren, auch dem Standpunkt einer nun neuen, dennoch nicht unbedeutenden Minderheit in der weiterführenden Bildung Achtung und Relevanz schenken.

Zweifelsfrei bevorzugen wir alle allein schon aufgrund der sozialen Kontakt- und Austauschmöglichkeiten und dem Zugang zu Laboren und Werkstätten den Präsenz-Lehrbetrieb über die Online-Lehre. Es ist jedoch elementar, dass ein systemischer Bildungsbetrieb in einem zukunftsorientierten Deutschland – besonders hinsichtlich unseres historischen Erbes – frei von allen politischen, sozialen, ethischen, ethnischen oder wirtschaftlichen Zwängen, für alle Gesellschaftsgruppen ermöglicht sein sollte. Dies sollte zuallererst die Verpflichtung von Wissenschaft und Forschung, und der Universitäten als freien Orten der Meinungs- und Wissensbildung, sein!

Die nun in Kraft gesetzte Betretungserlaubnis der Hochschul-Bildungsinstitute und einhergehende Beschränkung des Bildungszuganges widerspricht in nie dagewesenem Maẞe der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR), die am 10.12.1948 von der Generalversammlung der damals noch jungen Vereinten Nationen (UN) verabschiedet wurde – zu derer Einhaltung sich auch zuallererst die Bundesrepublik Deutschland verpflichtete. Auf ihr beruht die gegenwärtige Kontur des Menschenrechts auf Bildung, welches in Artikel 26 [1] wie folgt formuliert wird:

“Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. Fach- und Berufsschulunterricht müssen allgemein verfügbar gemacht werden, und der Hochschulunterricht muss allen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offenstehen.”

Weiter folgt:

„Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen (…) beitragen und der Tätigkeit der Vereinten Nationen für die Wahrung des Friedens förderlich sein.“

Die nicht-geimpften Studierenden verfolgen die aktuellen Entwicklungen der Pandemie wie alle anderen Mitmenschen mit Sorge. Die zunehmend angespannte Lage, die sich nun auf den Studien- und Arbeitsalltag am KIT noch weitreichender als bisher ausgewirkt hat, führt neben bestehender Komplikationen wie Raummangel und Pendlerchaos in der Hybrid-Lehre zu weiteren  erheblichen Einschränkungen und Herausforderungen, die sich immens auf die nicht-geimpften Studierenden auswirken und ihnen ihre Chance auf vorurteilsfreie Bildung für die Gestaltung der Zukunft aller schmälert.

Wie hoch der Anteil der nicht-geimpften Studierenden am KIT zurzeit sein mag, lässt sich nur schätzen, doch gehen wir von einem Prozentsatz um die 10 – 20% aus. Die veröffentlichten Ergebnisse der im Oktober durch das SEK erhobenen Befragung zur Covid-19-Impfquote KIT-Studierender geben leider keine Aussagen zu diesem Anteil, auch zweifeln wir an der Applikabilität dieser Umfrage, da die Rücklaufquote weniger als die Hälfte aller befragten immatrikulierten Studierenden des KIT beinhaltet [2]. Möglicherweise könnten wir über weitere Anteile und Quoten in einem Gespräch mit Ihnen aufgeklärt werden. Dennoch wollen wir darauf hinweisen, dass die nicht-geimpfte Bevölkerungsgruppe eine signifikante und bedeutsame Gesellschaftsgruppe in der Bundesrepublik darstellt. Unsere Gemeinschaft sollte nicht weiter unberücksichtigt und als Ursache der vierten Pandemie-Welle betrachtet werden.

Wir sind äußerst dankbar, dass sich das KIT, allen voran das Präsidium, den neuen Einschränkungen und Änderungen für die Studierende deutlich bewusst ist und somit nach individuellen Lösungen gesucht wird. Es ist lobenswert, dass unzählige Lehrkörper parallel zu ihren Präsenzveranstaltungen auch digitale Formate anbieten, die allen Studierenden die Fortführung des Semesters ermöglichen. Bedauerlicherweise bleiben noch unzählige Lehrveranstaltungen ohne Alternativangebot oder einer hybriden Auslegung, weshalb manche Studierende einfach von den Veranstaltungen ausgeschlossen werden und ihre geplanten Leistungen nicht mehr erbringen können. Eine durch die Gremien des KIT veräußerte Empfehlung der Verstärkung digitaler Lehrangebote, wie die Online-Lehre, wäre in unserem Namen ausgesprochen wünschenswert.

Wir sind uns bewusst, dass Sie als vertretende Instanzen und Verantwortliche des KIT grundsätzlich wenig Einfluss auf die Entscheidungen vom Landesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst besitzen, dennoch möchten wir konkret unsere Fragen an Sie stellen:

  • Warum wird ausgerechnet eine Gruppe von der Präsenzlehre ausgeschlossen, die am Tag ihres Erscheinens nachweislich und tagesaktuell keinen Virus in sich trägt?
  • Warum können Mitarbeiter des Hochschul-Betriebes mit einem 3G-Nachweis den Campus betreten und nicht auch Studierende, die die Hochschule in einem Vollzeitstudium besuchen und dafür Gebühren bezahlen?

Hierbei kann es sich nicht um einen Fremdschutz handeln, da geimpfte Studierende das Virus ebenfalls übertragen können und ihr Impfschutz je nach Impfstoff nach vier bis sechs Monaten an Wirksamkeit verliert [3]. Zudem machten laut dem jüngsten RKI-Wochenbericht vom 25.11. in den letzten vier Wochen die Impfdurchbrüche 48,8% der symptomatischen Infektionen unter den 18- bis 59-Jährigen aus [4].

Es wäre für alle Parteien des KIT, also unabhängig der G-Klasse, deutlich sinnvoller und auch kostengünstiger für die KIT-Studierenden, eine allgemeine Teststrategie am KIT selbst zu entwickeln. Strategien gibt es unzählige. Schulen als auch Kunst- und Musikhochschulen bleiben schließlich vorerst bis auf Weiteres und mit weniger Einschränkungen für alle zugänglich.

Was ist also unser Ziel mit diesem offenen Brief, der Sie erreicht?

Wir möchten an die Demokratie, Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung appellieren. Wir sind uns sicher, dass Sie, verehrte Damen und Herren, in Ihrer Stellung und in Kooperation mit anderen Hochschulen deutlich mehr bewegen und erreichen können, als eine studentische Minderheit, die sich um ihr weiteres Studium sorgt.

Können Sie sich vorstellen, was Sie erreichen können, wenn Sie als einflussreiche Gemeinschaft der Hochschulen und Universitäten in Baden-Württemberg zusammen mit dem Landesministerium entsprechende inklusive, freiheitliche und transparente Strategien entwickeln? 

Wir bitten Sie, verehrte Damen und Herren, setzen Sie sich weiterhin vorurteilsfrei für die bedingungslose als auch ganzheitliche Bildungsteilhabe der Ihnen anvertrauten Studierenden und Mitarbeitenden des KIT ein und statuieren Sie mit Ihrem Verhalten der deutschen Politik und dem Bildungssystem ein exemplum aequalitatis. Unsere gesellschaftliche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden es Ihnen danken.

Auf Ihre Rückmeldungen sind wir gespannt und wir bedanken uns bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihren Bemühungen!

Mit freundlichen Grüßen

Studenten stehen auf. Karlsruhe.

Quellenverzeichnis

  1.  Bundeszentrale für politische Bildung, Das Menschenrecht auf Bildung, online abrufbar unter: https://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/zukunft-bildung/156819/menschenrecht (29.11.2021).
  2. Strategische Entwicklung und Kommunikation, Erhebung der Impfquote KIT-Studierender, Stand Oktober 2021, online abrufbar unter: https://www.sek.kit.edu/5495.php (29.11.2021).
    1. Haridy, Study compares decline in effectiveness of 3 COVID vaccines over time, in: New Atlas, Artikel vom 08.11.2021, online abrufbar unter:
  3. https://newatlas.com/health-wellbeing/coronavirus-vaccine-effectiveness-decline-protection-breakthrough-infection/ (29.11.2021).
  4. Robert-Koch-Institut, Wöchentlicher Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit-2019 (Covid-19), aktualisierter Stand für Deutschland vom 25.11.2021, online abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Wochenbericht/Wochenbericht_2021-11-25.pdf?__blob=publicationFile (29.11.2021).

 

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